KI Update und Space X

Die jüngste Berichtssaison (Stand 11.6.2026) zeigt klar: KI ist nicht mehr nur Story, sondern realer Umsatz- und Investitionstreiber. Bei Nvidia expandiert weiter das Data-Center-Geschäft, bei Microsoft, Amazon und Alphabet beschleunigen Cloud- und KI-Workloads, und auch Apple besinnt sich auf eine KI-fokussierte Strategie. Tatsächlich ist trotz massiver Investments die Nachfrage nach KI-Rechenleistung größer als das aktuelle Angebot. Weitere Investitionen für 2026 sind enorm: Microsoft erwartet für 2026 rund 190 Mrd. USD Capex, Alphabet 180–190 Mrd. USD, Meta hob die Investitionsspanne auf bis zu 145 Mrd. USD an.

Insgesamt mache ich folgende Trends aus:

  1. Von Generative AI zu Agentic AI: Nvidia, Microsoft, Google, AWS und Meta reden nicht mehr (nur) über Chatbots, sondern über integrierte Systeme, die Aufgaben planen, ausführen und orchestrieren. Das ist 2026 der neue Schwerpunkt.

  2. Robotics (Physical AI) sind stark im Kommen.

  3. Infrastruktur bleibt der Engpass: Die Nachfrage nach KI wächst deutlich schneller als der (langwierige) Ausbau von KI-Kapazität und KI-Rechenzentren. Alles hängt an Chips, Rechenzentren, Strom, Kühlung und Netzwerken. Die Komponentenpreise, zB für Memory und GPUs, steigen stark, damit wird der weitere Ausbau von Rechenzentren immer teurer. Um mitzuhalten, müssen Unternehmen massive Investitionen tätigen, um mithalten zu können, Amazon spricht zB von KI-getriebenem Capex-Druck, der ihre Zahlen belastet. Dieser strukturelle Engpass führt dazu, dass KI teuer wird und sich die Macht auf einzelne große Unternehmen konzentriert.

  4. Die oben erwähnten Tech-Unternehmen konnten aber zeigen, dass sie mit KI erstmals Geld verdienen können. Allerdings wachsen zwar die Umsätze rasch, die durch KI-Angebote erzeugt werden, aber die Gewinne decken nicht annähernd die massiven Investitionskosten. Obgleich ich glaube, dass ein KI-Abo in naher Zukunft so selbstverständlich sein wird wie ein Netflix-Abo oder ein Abo für eine bestimmte Internetbandbreite, stellt sich die zentrale Frage, ob sich das Ganze wirklich rechnen wird, also ein entsprechender Gewinn nach Abzug der massiven Infrastrukturkosten übrigbleibt. Oder zumindest wann das sein wird. Enttäuschungspotenzial ist in Fülle vorhanden. Im Moment finanziert der KI-Hype vor allem Nvidias Gewinne und die Datenzentren. Die echte Profitabilität der Abo-Dienste selbst kommt erst schrittweise, wenn überhaupt.

Wie schon in den letzten Beiträgen zu KI nehme ich auch jetzt einen Nvidia-Schwerpunkt ein:

Nvidias Umsatz wird inzwischen überwiegend vom Data-Center-Geschäft getrieben. Im zuletzt gemeldeten Quartal (Q1 GJ 2027, veröffentlicht am 20. Mai 2026) lag der Gesamtumsatz bei 81,6 Mrd. USD, davon 75,2 Mrd. USD im Segment Data Center. Das sind rund 92,2 % des Gesamtumsatzes. Anders gesagt: Nvidia ist zwar historisch als GPU-Hersteller bekannt, verdient heute aber vor allem mit KI- und Rechenzentrums-Infrastruktur Geld. Tatsächlich vertreibt Nvidia nicht mehr „nur“ GPUs, sondern komplette KI-Infrastruktur-Plattformen, und baut seit vielen Jahren ein KI-Ökosystem (bzw AI factories wie Nvidia es nennt) auf, mit Infrastruktur, Betriebssystem und spezialisierter Software (Vgl dazu ersten Nvidia Blog). Nvidia beschreibt sich selbst inzwischen als Unternehmen für „AI and accelerated computing“ und zeigt in Investoren-Unterlagen explizit die Entwicklung „from chips to an AI infrastructure company“.

Das heißt praktisch: Nvidia verkauft nicht nur einen Chip, sondern oft ein ganzes Paket an Cloud-Anbieter, Unternehmen und Staaten, bestehend aus:

  • KI-/Beschleuniger-GPUs für Training und Inferenz, etwa Blackwell- oder frühere Hopper-Systeme, die die eigentliche Rechenarbeit für KI leisten.

  • CPUs wie Grace, die gemeinsam mit den GPUs in Superchips oder Server-Plattformen eingesetzt werden.

  • Networking-Hardware, die Tausende GPUs in Clustern bündelt. Nvidia nennt in offiziellen Produktmeldungen Networking ausdrücklich als Teil seiner AI-Plattform.

  • Komplette Systeme/ Server, also nicht nur Bauteile. Nvidia bringt diese als fertige Referenzplattformen in den Markt.

  • Software und Laufzeitumgebungen, insbesondere CUDA, KI-Bibliotheken und sonstige Nvidia-AI-Software, die auf der Nvidia-Hardware laufen und Kunden an die Plattform binden.

Nvidia profitiert deshalb auf mehreren Ebenen gleichzeitig:

  1. an der GPU selbst,

  2. am Netzwerk zwischen den GPUs,

  3. an kompletten AI-Systemen,

  4. und an der Software, die alles zusammenhält.

Wie schon berichtet, investiert Nvidia in andere Unternehmen und baut Allianzen mit anderen Tech-Unternehmen auf. Jüngstes Beispiel ist die Entwicklung eines neuen Typs von Personal Computers oder Laptops, der Anfang Juni 2026 vorgestellt wurde. Der Kern ist ein neuer hochintegrierter „KI-Super-Chip“ namens RTX Spark, der CPU, GPU, Speicher und KI‑Hardware in einem einzigen Baustein vereint und damit den klassischen PC neu definiert. Microsoft liefert dazu das Betriebssystem, das KI (Copilot) tief integriert, sowie die Softwareumgebung für lokal laufende AI Agents. Statt wie bisher auf einzelne Apps zu klicken, die Aufgaben isoliert abarbeiten, übernimmt der AI Agent die Aufgabe und arbeitet sie selbständig ab.

Nvidia und Microsoft wollen damit das bisherige Konzept von Windows-PCs mit Programmen und Apps neu gestalten. Der „RTX Spark PC“ richtet sich zuerst einmal an KI-Entwickler, Creator und Gamer und soll Windows-PCs zu „Personal AI Computers“ machen, also Geräten, die große KI-Modelle und Agenten lokal ausführen können. Nvidia kooperiert dabei auch mit den Hardware-Herstellern ASUS, Dell, HP, Lenovo und Microsoft Surface, die den neuen Superchip und die Microsoft-Umgebung in ihre Laptops einbauen. Erste Auslieferungen werden bereits mit Herbst 2026 erwartet.

Für das am 20. Mai 2026 gemeldete Quartal (Q1 GJ 2027) meldete Nvidia 81,6 Mrd. USD Umsatz (+85 % YoY). Bei Nvidia ist die Frage aber inzwischen nicht mehr, ob KI real ist, sondern eher, wie lange diese außergewöhnliche Nachfrage und Marge auf diesem Niveau durchhaltbar sind und ob Nvidia ihre Vormachtstellung wird halten können. Der größte Unsicherheitsfaktor bleibt weniger die Nachfrage als Exportbeschränkungen und die Frage, wie viel Marktanteil langfristig an AMD und andere Firmen (Apple, Intel, etc) abgeben wird müssen. Nvidia agiert aber nicht in luftleerem Raum, sondern ist vom Börsengeschehen insgesamt abhängig.

Nvidia baut Allianzen und erzeugt auch dadurch Abhängigkeiten von ihren KI-Produkten. Meiner Ansicht nach macht Jensen Huang das äußerst geschickt, sich in puncto KI unverzichtbar zu machen. Letztendlich entscheidet aber die Erwartungshaltung der Anleger, wie sich die Aktie entwickelt. Die Volatilität von Nvidia bleibt meiner Ansicht nach daher hoch, genauso wie die Performance und Erfolgsaussichten.

Abseits von Nvidia - Space X

Abseits von Nvidia tut sich auch einiges, allen voran der Börsengang von Space X am 12.6.2026. Aufgrund der schieren Größe des IPOs komme ich nicht umhin, dazu etwas zu sagen.

Space X machte im Vorjahr einen Umsatz von 18,7 Milliarden USD und einen Verlust von 5 Milliarden. Trotzdem wird das Unternehmen bei etwa 2 Billionen Marktwert gehandelt. Zum Vergleich: Nvidia hatte einen Umsatz von 130 Milliarden Umsatz und einen Gewinn von 73 Milliarden bei einer Marktkapitalisierung von 5 Billionen.

Ende 2024 war Space X noch mit 350 Milliarden USD bewertet worden, eineinhalb Jahre später mit dem ca 6-fachen. Am Tag des IPOs stieg der Eröffnungskurs um 11%.

Was ist passiert und wie kann man das erkkären?

Space X ist ein Raumfahrtunternehmen, das eine Technologie entwickelt hat, Raketen wiederverwendbar zu machen, d.h. sie starten und landen von einer Plattform aus. Wiederverwendbarkeit ist aber nur mit einer hohen Startfrequenz rentabel, die durch den Ausbau und die Wartung des Satellitennetzwerks Starlink gegeben ist. Aktuell liegt der Anteil von Space X an der weltweit in die Erdumlaufbahn gebrachten Satelliten-Masse bei 80 Prozent (!). Space X hat knappe Orbitplätze und Funkfrequenzen beansprucht und damit die Eintrittsbarrieren für zukünftige Marktteilnehmer deutlich erhöht.

Musk verknüpft diese Vorrangstellung nun mit dem Narrativ, dass er KI-Rechenzentren im All bauen will. Die Möglichkeit dazu hat er. Sagt er.

An den Börsen geht es um Erwartungen, oder anders gesagt, es werden Erwartungen gehandelt, nicht reale Tatsachen. Reale Ereignisse holen ein Unternehmen aber wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Sicher, wenn seine Idee aufgeht, dann kann das – nach immensen Investitionen – irgendwann einmal zu Gewinnen führen. Pure Spekulation. Aber was kann bei dem Plan schiefgehen?

Abgesehen davon, dass Space X keine Pläne dazu vorgelegt hat, sondern mehr oder weniger nur die Idee (und die Geschichte), kann dabei alles Mögliche schiefgehen. Das gelieferte Narrativ ist verheißungsvoll, Science Fiction, oder absurd weil unrealisierbar. Die Kosten sind enorm, wie soll sich das jemals rechnen? Ich bin da skeptisch.

Ich möchte noch einen weiteren Aspekt herausgreifen, der vom Wirtschaftswissenschafter Alessio Terzi jüngst angemerkt wurde, nämlich die Ähnlichkeit von Space X mit der Britischen Ostindien-Kompanie. Zwischen 1570 und 1860 übten europäische Staaten durch privilegierte Handelskompanien (britische, niederländische und französische) immense Macht in dem damals fernen Indischen Ozean aus. Diese Unternehmen bauten Monopole auf, nutzten fehlende Rechtsordnungen, um ihre eigenen Regeln aufzustellen und übten hoheitliche Funktionen aus. Ähnlich wie es nötig wäre, damit Space X im Weltraum ihr Unwesen treibt. Ich persönlich bezweifle aber massiv, dass die (anderen) Weltmächte eine derartige Vormachtstellung eines US-amerikanischen Unternehmens zulassen werden.

Space X ist aber zu groß, als dass man das alles mit einem Schulterzucken quittieren könnte. Disruptives Potenzial für die Weltbörsen ist vorgezeichnet. Bei dem Börsengang von Space X – und auch bezüglich der in der Pipeline befindlichen IPOs von Open AI und Anthropic – geht es um gewaltige Summen, die von irgendwoher kommen müssen. Anders gesagt wird massiv Kapital umverteilt werden (müssen), um alleine für Space X 75 Milliarden USD verfügbar zu machen, oder noch anders gesagt, diese IPOs ziehen massiv Geld aus dem Markt ab. Welche Aktien im Austausch dafür auf den Markt geworfen werden, wird man sehen.

Ich wage keine Prognose, sehe aber große Marktverzerrungen kommen durch den folgenden Effekt: Große Indexanbieter haben angekündigt, Space X zeitnah in ihre Indizes aufzunehmen, wahrscheinlich MSCI World und Nasdaq-100. Dies ist bei Nasdaq aufgrund der erst im Juni 2026 neu eingeführten „Fast Entry-„ Rules möglich, sodass man hier auch von einer “Lex Space X” spricht. Da alle Anbieter von ETFs diese Indizes möglichst exakt abbilden, sorgt dies für große Nachfrage nach der Space X Aktie, was den Preis weiter treibt. Diese künstliche Nachfrage bläht den Kurs auf. Wenn das Unternehmen die Erwartungen nicht erfüllt, kann es zum Absturz kommen. Durch die schiere Größe der Marktkapitalisierung würde das wohl die gesamte Börse mitreißen. Kurz gesagt, diese hoch-gewichtigen IPOs (Space X, Open AI, Anthropic) haben das Potenzial großen Einfluss auf das gesamte Börsengeschehen zu nehmen.

Mit Stand 24. Juni hat die Space X IPO-Geschichte einen neuen Twist bekommen. Zwischenzeitlich stieg die Aktie um etwa 25%, derzeit notiert sie aber wieder unter dem Emissionspreis. Es scheint so, dass die „heiße Luft“ bereits nach kurzer Zeit beginnt zu entweichen oder zumindest eine gesunde Portion Skepsis wieder zurückkehrt.

Auch insgesamt zieht die Furcht vor steigenden Zinsen wieder an den Börsen ein, Anleger befürchten, dass der neue US-Notenbank-Chef Kevin Warsh die Zinsen demnächst anheben wird. Zudem wachsen die Bedenken hinsichtlich der unglaublich hohen schuldenfinanzierten Milliardeninvestitionen in KI Infrastruktur, da steigende Zinsen die Finanzierung dieser Investitionen deutlich verteuern können und sich die Frage aufdrängt, ob die zukünftigen Erträge diese Investitionen rechtfertigen. Zumal diese Investitionen aus einem Wettlauf der Tech-Unternehmen entstanden ist, wer in Sachen KI vorne dabei ist.

Zukünfte

Für mich stellt sich auch zunehmend die Frage, wohin sich KI entwickelt, welche Zukünfte eintreten werden (vlg KI kills Software - what else) und was das für uns als Gesellschaft bedeutet. Und damit auch für die (Welt)wirtschaft. Klar ist: Wir erleben derzeit eine massive und außergewöhnlich schnelle Welle technologischer Veränderung. Zugleich mehren sich die Warnsignale. Selbst Anthropic (CEO Dario Amodei) spricht sich für eine stärkere Regulierung der KI-Industrie aus und hat kürzlich erst gefordert, dass Regierungen gefährliche KI stoppen können müssen und leistungsstarke KI-Modelle auf Risken geprüft werden müssen. Ironie ist, dass die US Regierung das kurz darauf tatsächlich gemacht hat und über das neue Anthropic-Produkt Fable ein Exportverbot verhängte.

Wie wahrscheinlich aber eine solche Beschränkung in dem aktuellen Wettrennen um die KI-Vorherrschaft zwischen USA und China tatsächlich ist, sei dahingestellt. Zumal das aktuelle Wachstum in den USA auf den KI-Boom zurückzuführen ist und kein Interesse daran besteht, dieses zu brechen.

Aber auch in Sachen Regulierung tut sich bereits einiges, wie Mustafa Suleyman in seinem Buch „The Coming Wave“ beschreibt. Suleyman, immerhin CEO von Microsoft AI und Mitgründer von DeepMind, tritt ja vehement für „Containment“ ein, also Beschränkungen, die man KI-Entwicklung und KI-Agents auferlegt. Auch diese Aspekte sollte man im Auge behalten.

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Market News Mai 2026